Lize Spit – Und es schmilzt

Lize_Spit


„GEH SOFORT INS GEFÄNGNIS, GEH NICHT ÜBER LOS, ZIEHE NICHT 4000 FRANC EIN.“


Mit einem Eisblock im Kofferraum fährt Eva kurz vor Silvester zu einer Feierlichkeit in ein Dorf in Flandern. Einer Einladung folgend und nach neun Jahren Absenz ist es das erste Mal, dass sie wieder an diesen Ort zurückkehrt. Die Einladung ist gleichzeitig die Einweihung einer neuen Melkanlage und eine Erinnerung an Jans Todestag. Es ist der erste richtig kalte Tag in diesem zu Ende geneigten Jahr. Der Eisblock wird nicht so schnell schmelzen. Und das ist gut so, denn Eva hat etwas damit vor.

Eva ist in diesem Dorf aufgewachsen und das mittlere von drei Geschwistern. Die Kindheit der drei Kinder ist geprägt von Vernachlässigung, dem schweren Alkoholkonsum der Eltern und der Tristheit des Dorflebens. Die jüngere Schwester Tesje erkrankt früh an einer Zwangsstörung. Der Vater hängt vorsorglich für sich schon mal einen Strick mit einer Schlinge an einem Balken im „Arbeitshaus“ auf, ohne dabei zu vergessen, diesen Eva zu zeigen, und die Mutter geht mehrmals am Tag zum Hühnerstall, wo sie die Weinflaschen versteckt hält.

Eva verbringt die meiste Zeit mit zwei Jungen aus der Nachbarschaft, mit Pim, dem Sohn des Milchbauern und Laurens, dem Sohn des Schlachters. Sie sind die drei einzig Geborenen eines Jahrgangs und nennen sich die „drei Musketiere“, unzertrennlich in der Schule und in ihrer Freizeit.

Nach dem Suizid des 15jährigen Jan, Pims Bruders, verändert sich die Welt der drei Freunde zunehmend und das Jahr 2002 beginnt seinen unheilvollen Lauf zu nehmen bis zu dem Tag im Sommer desselben Jahres, an dem das Schreckliche passiert.

Dieses traumatische Erlebnis, die Schrecken des Alltags mit ihren Eltern und das Dorfleben mit all seinem kalkulierten Hinschauen und Wegschauen fressen sich in Eva hinein und lassen sie an diesem kalten Tag mit einem Eisblock im Kofferraum ins Auto steigen und losfahren. Es wird eine Abrechnung der besonderen Art.

Lize Spits Debütroman hat mich sehr beeindruckt. Sie fängt den 90er-Jahre-Mief eines belgischen Dorfes präzise ein und bringt sehr gekonnt die Erzählstränge auf den Punkt genau zusammen. Ein ganz tolles Buch, das es trotz der an manchen Stellen schwer zu ertragenden Schilderungen schafft, mich die Protagonistinnen Eva und Tesje nicht loslassen zu wollen. Es ist ein Coming of Age Roman und die Geschichte eines Mädchens, das zu gefallen versucht und dabei niemandem gerecht werden kann.


„Hier, mit dem Blick auf den Pfarrer, der das Fleisch begutachtet und bezahlt, überkommt mich ein Trübsinn, der schon eine Weile weggeblieben war und von dem ich dachte, hoffte, er sei vielleicht für immer verschwunden.

Inzwischen weiß ich, dass nichts gegen dieses Gefühl ankommt. Es kommt, wenn ich rechtzeitig auf einem Stuhl in der richtigen Klasse sitze, in einem Outfit, das alle an mir zu sehen gewöhnt sind, auch wenn ich dastehe und Fleisch betrachte, auch wenn ich nicht dastehe und Fleisch betrachte. Dann fehlt mir etwas. Alles. Als wäre ich einmal vollständiger gewesen und etwas in mir erinnerte sich noch an dieses Gefühl.

Es überkommt mich auch jedes Mal, wenn ich in der Badewanne stehe und mich wasche. Dann legt sich etwas auf meine Haut. Es schließt mich ein, spannt sich an, zeigt mir deutlich, dass ich mich am falschen Ort befinde.“


Lize Spit – Und es schmilzt

S. Fischer Verlag, 2017

Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen

 

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