Das letzte Glück im goldenen Handschuh

Heinz Strunk - Der goldene Handschuh
Heinz Strunk – Der goldene Handschuh

Fritz Honka, genannt Fiete, ist betrunken. Fiete ist sein Spitzname, und betrunken sein ist der Zustand seines Daseins. Einen annehmbaren durch Fanta mit Schnaps zu erreichen, ist das Ziel des abendlichen Zusammenkommens aller am Leben gescheiterten Gäste des goldenen Handschuhs, einer Kneipe auf dem Kiez.

Fiete schleppt die Frauen ab, die niemand mehr will. Die obdachlos, hungrig und durstig im goldenen Handschuh nach dem Rettungsanker greifen und mit ihm nach Hause gehen. Fiete lässt sie eine Erklärung unterzeichnen, auf der steht, dass sie keinen eigenen Willen mehr haben und Fritz Honka den Dienst erweisen sollen. Sie haben den Personalausweis abzugeben und dürfen die Bleibe ohne seine Erlaubnis nicht verlassen. Die Wohnung ist zwar eine Unterkunft, doch sie stinkt. Ein Leichengeruch legt sich über alles und jeden, er ist nicht mehr abzubekommen von der Haut und der Kleidung. Gerda, Herta, Ruth und wie sie alle heißen unterschreiben die Erklärung. Und Fiete hängt Duftbäumchen auf.

Unerwartet gelangt Fiete zu einem Job. Er soll als Nachtwächter auf ein Gebäude aufpassen. Doch auch dieser Job ist nach exzessiver Schnapstrinkerei und eines Übergriffs auf eine Reinigungskraft des Gebäudes schnell wieder futsch. Fiete schafft den Absprung nicht, seine Gedanken werden immer mehr getragen von unkontrollierter Geilheit und Obszönität, die er an Frauen ausleben will. Der Tod kehrt ein in sein psychopathisches Kopfkino. Seiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, von körperlicher Gewalt bis hin zur Zerstückelung der Leichen ist alles erlaubt. Und die Wohnung stinkt. Fiete hängt Duftbäumchen auf.

Parallel dazu wird die Geschichte einer reichen hanseatischen Familie erzählt. Immer bei Perspektivenwechsel möchte man aufatmen. Doch leider entpuppt sich auch diese als unmenschlich, pervers und arrogant. Und sie treffen sich alle wieder. Vielleicht im goldenen Handschuh.

Ich möchte denken, dieses Buch beiseite legen zu wollen, kann es aber nicht. Ich möchte die Geschichte dieser tragischen Gestalten und des Serienmörders Fritz Honka bis zum Ende lesen. Und dann frage ich mich, was mich fesselt. Und weiß es schließlich. Es ist die Suche dieser geschundenen Menschen nach Glück, dem letzten kleinen Glück ihres Lebens. Und ich hoffe mit ihnen. Bis zum Ende.

 

Heinz Strunk

Der goldene Handschuh

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016

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