Bemerkenswert

Friedemann Karig – Dschungel


Felix ist verschwunden, sein bester Freund Felix, mitten in Kambodscha auf einer Reise.

Die Mutter des Freundes kontaktiert ihn, seit vier Wochen fehle von Felix jede Spur, keine Nachricht, kein Foto, kein Zitat, kein Post, kein Beitrag. Nur er alleine sei in der Lage ihn aufzuspüren, denn sie kennen sich von Kindesbeinen an. Deshalb müsse er es sein, der ihn findet, so glaubt sie. Und so begibt sich unser Held etwas verärgert und lustlos auf die Suche nach dem Freund und gleichzeitig auf die Suche nach den Spuren ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend und den Erinnerungen, die verschüttet wurden von Raum und Zeit. 

In Kambodscha folgt er der Spur, die Felix hinterlässt. Er findet das Hostel, wo Felix übernachtet hat, findet sein verloren geglaubtes Handy und Leute, die ihn kannten. Zeitgleich erinnert sich der Erzähler an die Geschichten ihrer Jugend, Felix Risikofreude, furchtlos stellte er sich auf jede Klippe und jeder Herausforderung. Er war der Extrovertierte, der, der die Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Held dieses Romans bleibt aber der namenlose Erzähler, der Felix Spur folgt, um herauszufinden, was zwischen ihnen schiefgelaufen ist und welches Geheimnis sie beide bis heute verbindet.

Der Publizist Friedemann Karig, 1982 geboren, hat einen spannenden und vielschichtigen Roman geschrieben. Es geht um Adoleszenz, um Männerfreundschaft, um Selbstfindung und um Familienbande. Die Freundschaft der beiden jungen Männer ist ambivalent. So ist die Beziehung der beiden manchmal manipulativ, die Freundschaft tut den beiden nicht gut. Und doch können sie nicht ohne einander. Der Roman ist keine Ode an die Kindheit und Jugend, er stellt eher die Frage nach der Möglichkeit sich aus familiären Banden zu befreien und Muster zu hinterfragen.

Auf einer anderen Ebene liest man aber auch einen Roman, der von Kambodscha erzählt, dem Genozid, der Roten Khmer, dem Bürgerkrieg durch Pol Pot. Und man liest von plastikumspülten Stränden und der fast schon manischen Suche der Backpacker nach dem abgelegensten Ort der Welt. Friedemann Karig hinterfragt und kritisiert den verzweifelten Versuch seiner Generation sich durch Reisen selbst zu finden und zu verwirklichen. Der Tourismus boomt und unser Planet wird zerstört. 

We look at the world once,
in childhood.
The rest is memory.
- Louise Glück - 

erschienen im Mai 2019, Ullstein Buchverlage, Berlin

Bemerkenswert

„Was bleibt von uns“ von Golnaz Hashemzadeh Bonde

Die junge Autorin Golnaz Hashemzadeh Bonde hat ihren zweiten Roman geschrieben, der in Schweden sehr erfolgreich war. 

Es ist die Geschichte von Nahid. Nahid ist 60 Jahre alt und erfährt, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat. Die Diagnose erschüttert sie tief und sie möchte im Angesicht des Todes ihrer Tochter, die jetzt selbst schwanger ist, rückblickend ihr Leben erklären. 

Als junge angehende Studentin in Teheran ist Nahid der Stolz der Familie. Sie erlebt die islamische Revolution 1978 mit, schließt sich der linken Bewegung an, demonstriert und engagiert sich leidenschaftlich für die Sache. Dort lernt sie ihren zukünftigen Mann, den Marxisten Masood kennen. Als sie zusammen mit Nahids kleiner Schwester auf eine Demonstration gehen, verlieren sie sie im Chaos. Sie taucht nie wieder auf. Schwer traumatisiert bleibt Nahid mit großen Vorwürfen zurück. Sie und Masood heiraten, bekommen ein Kind und gehen, nachdem die Bewegung niedergeschlagen wurde, in den Untergrund. Ihr Bestreben nach einer neuen Welt, ihre Pläne vieles anders zu machen, scheitern. Die Ehe verläuft anders als Nahids Vorstellungen einer aufgeklärten und gleichberechtigten Beziehung. Masood beginnt sie zu schlagen. Er prügelt sich an ihr den Frust aus dem Leib. Sie beschließen nach Schweden auszuwandern, was ihnen gelingt. Nahid verlässt ihre Heimat, ohne ihre Mutter und ihre älteren Schwestern ein letztes Mal gesehen zu haben. Masood stirbt früh und Nahid zieht ihre Tochter in einem fremden Land alleine groß.

Es ist eine traurige Geschichte, die Golnaz Hashemzadeh Bonde erzählt. Es ist die traurige Geschichte einer Frau, die am Ende ihres Lebens steht und hadernd um ihre Zugehörigkeit kämpft.

Trotz der Schwere des Romans ist er leicht zu lesen. In kurze Abschnitte aufgeteilt, Tagebucheinträgen ähnelnd, liest man das Buch zügig. Und trotz der Schwere hinterlässt das Buch Zuversicht. Ein sehr empfehlenswerter Titel.

Golnaz Hashemzadeh Bonde
Was bleibt von uns
Nagel & Kimche Verlag, 2018

Bemerkenswert

„Die Farbe von Milch“ von Nell Leyshon

Mary, die jüngste von vier Schwestern wächst auf einem Bauernhof in England auf. Es ist das Jahr 1830. Mary ist 14, arbeitet trotz einer körperlichen Beeinträchtigung, einem hinkenden Bein, hart und hat eine flinke Zunge. Der Vater ist grob und verbittert darüber nur Töchter und keinen einzigen Sohn zu haben. Die Mutter ist wortkarg und kühl. Nur der Großvater, der schon altersschwach mit der Familie zusammen im Haushalt lebt, ist Mary nah. Sie kümmert sich um ihn, bringt ihm das Essen und verbringt Zeit an seinem Lager im Apfelzimmer des Hauses.

Als Mary das 15. Lebensjahr vollendet, wird sie vom Vater als Haushaltshilfe an den örtlichen Dorfpfarrer verkauft. Sie soll dort die ernsthaft erkrankte Frau des Pfarrers pflegen und ihr Gesellschaft leisten. Von einem Tag auf den anderen muss Mary ihr Zuhause verlassen und in einen fremden Haushalt ziehen.

Die Frau des Pfarrers findet schnell Gefallen an Mary. Marys unverblümte Art, ihre hastig ausgesprochenen Worte, die kein Feingefühl und keine Höflichkeit kennen, bringen die Kranke zum Lachen und zum Staunen. Mary wiederum erfährt zum ersten Mal in ihrem jungen Leben Mitgefühl und Menschlichkeit. Die „Missus“, wie Mary sie nennt, wird aber zunehmend schwach. Als der Sohn der Familie auf die Universität nach Oxford geht, stirbt sie. Statt zurück nach Hause gehen zu dürfen, veranlasst der Pfarrer die Kündigung der zweiten Haushaltshilfe und Mary bleibt mit ihm alleine zurück. 

Am Ende der Geschichte wird Mary lesen und schreiben können; am Ende der Geschichte wird Mary frei sein.

Nell Leyshon schreibt in einer besonderen Sprache über das Leben eines einfachen Mädchens, das den Versuch wagt, in einer Welt, in der ein Frauenleben nicht zählt, ein Mensch zu sein. 

Ein großartiges Buch.

Nell Leyshon
Die Farbe von Milch
Julia Eisele Verlag, 2017
Taschenbuchausgabe Wilhelm Heyne Verlag, 04/2019