Die Selbstsucht der anderen oder „I´ll bet you think this song is about you“

Kristin_Dombek

Mich beschäftigt seit geraumer Zeit die Frage, ob immer mehr Narzissten in unserer Gesellschaft leben, oder unsere von der Individualisierung geprägte Gesellschaftsform den Narzissmus als Persönlichkeitsstörung fördert, und das Internet als Plattform regelrecht dafür dient und den Weg für diesen Selfiewahn ebnet.

In diesem Gedankenlabyrinth bewegte ich mich und war mir sehr sicher, dass dem so sei. Parallel dazu stieß ich auf ein kleines grünes Büchlein mit dem Titel „Die Selbstsucht der anderen – Ein Essay über Narzissmus“ von Kristin Dombek, einer New Yorker Essayistin und Kulturjournalistin. Ich begann diesen kleinen klugen „Ratgeber“ der höheren Pop-Psychologie zu lesen und wurde gehörig überrascht.

Bereits mit dem einführenden kleinen Zitat von Carly Simon „I´ll bet you think this song is about you“ führte sie mich aufs Glatteis. Ich schlitterte ganz schön, als mir beim Lesen des Textes langsam klar wurde, dass sie nicht nur den vermeintlichen Narzissten damit meinte, sondern auch mich, der erwartungsvoll nach Beweisen einer von Narzissmus geprägten Gesellschaft suchend den Text durchforstete.

Die Diagnose „Narzissmus“ kursiert expandierend im Internet. Narzissmus wird zum Synonym für „Idiot“, Donald Trump, Marc Zuckerberg, Cristiano Ronaldo, Kim Kardashian oder TeilnehmerInnen von Casting- und Realityshows seien hier genannt. Kristin Dombek nimmt sich dieser Unschärfe an und dekonstruiert die Selfiness „der anderen“ gekonnt, klug und mit viel Humor.

In sieben Kapiteln widmet sie sich aus unterschiedlichen Perspektiven dem Phänomen Narzissmus, im ersten der sogenannten „Kälte“ unserer Gesellschaft am Beispiel eines sechzehnjährigen Mädchens namens Allison, das zu ihrem 16. Geburtstag eine komplette Straße sperren ließ mit dem Wissen darüber, die Einfahrt eines Krankenhauses zu blockieren. Witzigerweise trifft Dombek Allison zu einem Interview. Mittlerweile ist Allison eine junge Frau, die Psychologie studiert und Paartherapeutin werden möchte. Ihr Vater habe damals an ihrem 16. Geburtstag die Straße sperren lassen und natürlich hat MTV viel insistiert. Was möchte man einem 16-jährigen Mädchen vorwerfen, das vielleicht nur ihrem Vater gefallen wollte?

In den nächsten Kapiteln stellt Dombek die Angst der Gesellschaft und auch der Wissenschaft dar, Narzissmus als Epidemie um sich greifend, jeden mit sich ziehend und flächendeckend  infiziert zu sehen. Sogar Sozialforscher und Psychologen warnen vor dieser Epidemie. Gar Freud sah schon den Narzissmus als drohendes Unheil einer dekadenten Gesellschaft, vor allem Frauen seien von ihm befallen. Die Wissenschaft heute kommt bei Dombek mit ihren Fragebögen und Testverfahren ebenfalls nicht gut weg. Die Wissenschaft drehe sich im Kreis, vor allem dann, wenn Wörter, nämlich das Wort „ich“ in verschriftlichter Form in Romanen und Sachbüchern gezählt werde und das Ergebnis gar so aufschlussreich sei, nämlich, dass das Wörtchen „ich“ um 40 Prozent mehr benutzt werde als vor 50 Jahren noch. Hm … vielleicht, resümiert Dombek, steckt hinter dem Wörtchen aber auch noch mehr, ich tue was, ich übernehme Verantwortung, ich will etwas ändern. Das Wörtchen „du“ im Übrigen wird seit den 60er Jahren ebenfalls mehr verwendet. Das wurde aber bei Veröffentlichung der Ergebnisse unter den Tisch fallen gelassen.

Ich erfahre in diesem Büchlein viel über die allgemeine Begriffsgeschichte des Narzissmus und seine diagnostischen Kriterien und lerne, wie sehr mittlerweile die Kommunikationsmedien mit dem Selbst verbunden sind. Ich lerne das neue schöne Wort „Narziphobie“ kennen und ich erfahre noch mehr:

„Aber bis auf Weiteres ist diese Zukunft noch leer von Gefühl. Sie muss nicht voller Selbstsucht sein, noch nicht. Noch ist Zeit, um sich rückwärts in die Zukunft der anderen zu bewegen, sich die Katastrophe anzusehen, die man ihnen hinterlässt und nur notdürftig zu reparieren versucht. Bis zum Frühjahr wird mein Egoismus unsichtbar bleiben. Aber dann wird die Welt sich erwärmen, der Schnee wird schmelzen, und irgendjemand wird um die Ecke biegen und auf meinen Beitrag zu dieser zugemüllten Straße stoßen.“

Vielleicht betrifft die Selfiness nicht nur „die anderen“, sondern mich, dich und dich auch. Und vielleicht geht es darum, mehr Verantwortung für sich selbst und sein Handeln zu übernehmen, auch wenn die eigene Verantwortung nur daraus besteht, den aufgerauchten Zigarettenstummel nicht im Schnee zu versenken. Denn wie Kristin Dombek so schön schreibt, der Frühling kommt bald und Schnee schmilzt.

Kristin Dombek

Die Selbstsucht der anderen – Ein Essay über Narzissmus

edition Suhrkamp, 2016