Bemerkenswert

Young-Ha Kim – Aufzeichnungen eines Serienmörders

Byongsu Kim ist siebzig Jahre alt, lebt in einem kleinen Dorf in Südkorea und ist zugleich pensionierter Tierarzt und Serienmörder. Die zuletzt durch seine Hand getöteten Menschen waren die Eltern seiner bei ihm lebenden Ziehtochter Unhi. Seit 25 Jahren hat er nicht mehr gemordet, resümiert er. Oder waren es 26? Byongsu Kim weiß es nicht mehr, ebenso wenig weiß er, ob der Wasserkessel auf dem Herd steht oder wie man einen Anruf tätigt. Nach einem Arztbesuch, den Unhi für ihn vereinbart hat, steht die Diagnose fest: schnell fortschreitende Demenz.

Doch viel schlimmer, ein ihm ebenbürtiger Serienmörder ist in seinem Viertel zugange, er hat ihn erkannt. Bei dem Auffahrunfall vor ein paar Tagen, er ist sich sicher. Doch was will er von Unhi? Ist sie in Gefahr? Will er sie töten? Für Byongsu steht fest, er muss dies um jeden Preis verhindern, es gilt, den anderen zu fangen und zur Strecke zu bringen, den letzten Mord seines Lebens durchzuführen.

Young-Ha Kim erzählt lakonisch und schwarzhumorig die Geschichte eines Mannes, dessen Kurzzeitgedächtnis schwindet, Bruchstücke aus Vergangenheit sich in die Gegenwart schleichen und sich Gestriges mit Heutigem vermischt. Der Nebel, in dem sich Byongsu befindet, verdichtet sich immer mehr. Das Chaos in seinem Kopf und um ihn herum wird immer größer. Wer ist Unhis neuer Freund? Ist das nicht der Mann, den er als Serienmörder entlarvt hat? Wieso gibt er vor Polizist zu sein?

Bis zum Schluss hält Young-Ha Kim die Spannung zwischen Wirklichkeit und Wahn, zwischen Tragik und Komik, zwischen Leben und Tod. Während sich für Byongsu der Nebel verdichtet, lichtet er sich dem Leserpublikum.

„Ich treibe in lauwarmem Wasser. Es ist ruhig und friedlich. Wer bin ich, wo bin ich? In der Leerheit weht ein leichter Wind. Ich schwimme, endlos.“

Young-Ha Kim
Aufzeichnungen eines Serienmörders
Cass Verlag, 2020
Aus dem Koreanischen von Inwon Park

Bemerkenswert

Die Optimisten von Rebecca Makkai

Chicago, 1985: Yale, ein junger homosexueller Kunstexperte, zuständig für die Neuerwerbungen einer renommierten Galerie, ist einer Gemäldesammlung auf der Spur, die seiner Karriere einen erheblichen Auftrieb verleihen könnte. Eine ältere Dame, Nora, die im Besitz verschiedener Skizzen und Gemälden ist, lebte in den zwanziger Jahren in Paris und lernte als Modell einige sehr talentierte und zum Teil bis heute unbekannte Künstler kennen. Ihre Gage als Modell beglichen damals die Künstler mit ihren Arbeiten. Nora erkannte recht früh, dass die Sammlung von großem Wert sein könnte. Yale ist sich der Bedeutung der Sammlung ebenfalls bewusst und versucht alles ihm Mögliche, Nora für sich und die Galerie zu gewinnen. 

Gleichzeitig bricht in Chicago eine bis dahin unbekannte Krankheit aus. Vor allem die homosexuelle Szene in „Boys Town“ scheint von einem neuartigen Virus stark betroffen zu sein. In Yales Umfeld sind immer mehr seiner Freunde schwer gezeichnet von dieser Krankheit, die man anfangs noch „gay cancer“ nannte. Als das Sterben der jungen Männer beginnt und auch Yales bester Freund Nico stirbt, wird für Yale der Erwerb der kleinen Kunstsammlung existenziell. Vor allem ein junger bis zu dem Zeitpunkt unbekannter Künstler hat es ihm sehr angetan. Er möchte besonders ihm durch die erstmalige Ausstellung seiner Kunst eine Stimme verleihen. 

Paris, 2015: Dreißig Jahre später begibt sich Fiona, Nicos kleine Schwester, auf die Suche nach ihrer Tochter Claire, die den Kontakt zu ihrer Mutter Jahre zuvor abgebrochen hatte und in einer Sekte untergetaucht war. Eine Spur führt Fiona nach Paris, wo sie bei einem alten Freund, einem Fotografen, der die Aids-Krise in „Boys Town“ künstlerisch dokumentiert hatte, unterkommen kann. Fiona engagiert einen Privatdetektiv, um ihre Tochter schneller finden zu können und sieht sich mitten in den Geschehnissen des Bataclan-Anschlags wieder. Hier muss sie sich nicht nur mit ihrer entfremdeten Tochter, sondern auch mit dem damaligen Sterben ihrer Freunde und ihres Bruders konfrontieren. 

Die Optimisten von Rebecca Makkai war 2019 für den Pulitzer Prize nominiert und ist ein großer amerikanischer Roman, der mehrere Jahrzehnte Geschichte umfasst. Er schlägt einen Bogen um die Zeit zwischen den zwei Weltkriegen, der achtziger Jahre und der Moderne. Das verbindende Element zwischen den Epochen ist die Kunst. Sie verbindet zum einen durch Noras Gemäldesammlung die zwanziger Jahre mit den Achtzigern und zum anderen durch Richards Fotografien die Achtziger mit den Zweitausendern. Das Lebensgefühl der achtziger Jahre, der Ausbruch der Epidemie und der Überlebenswille der jungen Männer stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Makkai gibt nachträglich diesen jungen Männern, die unermüdlich um ihr Leben kämpften, eine Stimme. Ronald Reagen, damaliger Präsident der USA, versäumte es jahrelang, in das Geschehen mit medizinischen Maßnahmen und Aufklärungsarbeit einzugreifen. Erst Ende der achtziger Jahre formierten sich Aktivistengruppen und Organisationen, die vor allem um eine andere mediale Darstellung der Krankheit Aids kämpften. Und erst seit Ende der neunziger Jahre hat man eine wirksame medikamentöse Therapie gegen Aids gefunden.

„Dann fing der Film wieder von vorne an. Da standen sie alle, das Bistro war unversehrt. Junge Männer mit den Händen in den Hosentaschen, die darauf warteten, dass alles begann.“

Rebecca Makkai
Die Optimisten
2020 der deutschsprachigen Ausgabe
Julia Eisele Verlag, München
Ullstein Buchverlag
Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell
Bemerkenswert

Der Wilde von Guillermo Arriaga

Mexiko-Stadt in den 70er Jahren: Juan, ein heranwachsender Jugendlicher, lebt in zwei Welten. Die eine Welt ist das Viertel, in dem er groß geworden ist und mit seiner Familie und seinen Freunden lebt. Die andere ist die Privatschule, die er mit seinem großen Bruder Carlos besucht und mit großer Mühe von seinen Eltern finanziert wird, um ihm selbst und Carlos später ein anderes, ein besseres Leben ermöglichen zu können. Carlos ist Juans Vorbild, ist sehr belesen, sein Bücherregal steht voll. Über die Dächer von Mexiko-Stadt bewegen sie sich mit ihren Freunden durch die Nacht, reden stundenlang über afrikanische Mythen, die Wikinger, Römer, Apollo 11, Kant, Jimi Hendrix und über Frauen.

Carlos züchtet auf dem Dach ihres Hauses Chinchillas und verkauft die Felle an einen Textilhändler, um an Geld zu kommen. Mit 18 bricht Carlos die Schule ab und beginnt durch eine Verbindung zu einem kriegsversehrten Vietnamrückkehrer, der leicht an Morphium herankommt, mit Drogen zu dealen. Juans Leben verändert sich zunehmend. Carlos wird zu einem gefragten Drogenhändler, die Polizei sucht nach ihm und Mitglieder einer radikal-katholischen Jugendbewegung werden auf ihn aufmerksam. Juan wird in das Gangleben seines Bruders immer mehr hineingezogen und droht zu verrohen. Als Carlos in einem Wassertank ertrinkt, die zuständige Polizei sich schmieren lässt und dem offensichtlich von langer Hand geplanten Mord nicht nachgehen wird, ahnt Juan längst, wer für den Mord verantwortlich ist. Juan schwört Rache am Tod seines Bruders und beginnt seine Vergeltung zu planen.

Parallel wird das Leben eines kanadischen Wolfes und der Menschen um ihn herum erzählt. Das Tierische im Menschen interessiert den Autor Guillermo Arriaga, der diese mythische Geschichte der Gegenwart eines im Schmerz gefangenen Jugendlichen gegenüberstellt. Wer wird letztendlich den Weg in die Freiheit finden und was bedeutet Freiheit für Tier und Mensch?

Großartig erzählt ist dieser Coming of Age Roman. Die Zeitebenen sind durcheinander geworfen, man erfährt sehr früh, dass Juan Bruder und Eltern verlieren wird. Erzählt wir die Geschichte eines Jungen, der vom Sterben umgeben ist und einen Weg zurück ins Leben sucht. 

„Meine Toten, die an meine Toten schreiben. Als das Leben noch kristallin pulsierte. Das Herz des Lebens, verewigt in der Handschrift meiner Eltern.“

Guillermo Arriaga
Der Wilde
Klett-Cotta Verlag
2018, 2020 Cotta´sche Buchhandlung, Stuttgart
Aus dem Spanischen von Matthias Strobel
Bemerkenswert

Meine Schwester, die Serienmörderin von Oyinkan Braithwaite

Nigeria, Lagos – Zwei Schwestern, Ayoola und Korede, die vollkommen gegensätzlich sind: Ayoola ist herausstechend schön und übt eine große Anziehungskraft auf Männer aus; Korede hingegen ist kantig und groß, eher der praktische Typ, kann gut kochen und backen, ist Krankenschwester, manisch ordentlich. Sie räumt nicht nur alles Liegengelassene oder Unaufgeräumte ihrer Kolleginnen auf, auch ihr Zimmer zuhause ist penibel sauber. Vor allem aber reinigt sie die Tatorte, die ihre Schwester hinterlässt, nachdem sie ihre Liebhaber erstochen hat. Die Rollen scheinen klar verteilt, Ayoola ist die Serienmörderin und Korede ihre Tatortreinigerin.

Bis Korede sich in den Stationsarzt Tade verliebt und Ayoola auf diesen aufmerksam wird. Korede versucht vergeblich zu verhindern, was nicht zu verhindern ist. Tade verliebt sich in Ayoola, wie alle anderen Männer, die einen Blick auf sie geworfen haben, und Korede kann nur dabei zusehen, wie die Geschehnisse ihren Lauf nehmen.

Man könnte nun meinen, dieser Roman sei ein Thriller. Doch es ist nicht nur die Geschichte eines Verbrechens. Vielmehr ist es die Geschichte dreier schwer traumatisierter Frauen, nämlich die von Korede, Ayoola und ihrer Mutter. Und es ist die Geschichte nigerianischer Frauen, die unter dem Machismus dieses Landes bis heute leiden, die sadistischem Handeln, männlicher Dominanz und Willkür ausgesetzt sind. Die Fragen, die Oyinkan Braithwaite uns schwarzhumorig stellt, sind die, ob nur ein Mord dieser Welt eine Ordnung geben kann und ob nur ein Mord nigerianischen Frauen deren Würde zurückzugeben vermag.

„Der Mann lächelt. Ich lächle zurück.“

Oyinkan Braithwaite 
Meine Schwester, die Serienmörderin 
Blumenbar im Aufbau Verlag, 2020, Berlin
Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer