Bemerkenswert

„Was bleibt von uns“ von Golnaz Hashemzadeh Bonde

Die junge Autorin Golnaz Hashemzadeh Bonde hat ihren zweiten Roman geschrieben, der in Schweden sehr erfolgreich war. 

Es ist die Geschichte von Nahid. Nahid ist 60 Jahre alt und erfährt, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat. Die Diagnose erschüttert sie tief und sie möchte im Angesicht des Todes ihrer Tochter, die jetzt selbst schwanger ist, rückblickend ihr Leben erklären. 

Als junge angehende Studentin in Teheran ist Nahid der Stolz der Familie. Sie erlebt die islamische Revolution 1978 mit, schließt sich der linken Bewegung an, demonstriert und engagiert sich leidenschaftlich für die Sache. Dort lernt sie ihren zukünftigen Mann, den Marxisten Masood kennen. Als sie zusammen mit Nahids kleiner Schwester auf eine Demonstration gehen, verlieren sie sie im Chaos. Sie taucht nie wieder auf. Schwer traumatisiert bleibt Nahid mit großen Vorwürfen zurück. Sie und Masood heiraten, bekommen ein Kind und gehen, nachdem die Bewegung niedergeschlagen wurde, in den Untergrund. Ihr Bestreben nach einer neuen Welt, ihre Pläne vieles anders zu machen, scheitern. Die Ehe verläuft anders als Nahids Vorstellungen einer aufgeklärten und gleichberechtigten Beziehung. Masood beginnt sie zu schlagen. Er prügelt sich an ihr den Frust aus dem Leib. Sie beschließen nach Schweden auszuwandern, was ihnen gelingt. Nahid verlässt ihre Heimat, ohne ihre Mutter und ihre älteren Schwestern ein letztes Mal gesehen zu haben. Masood stirbt früh und Nahid zieht ihre Tochter in einem fremden Land alleine groß.

Es ist eine traurige Geschichte, die Golnaz Hashemzadeh Bonde erzählt. Es ist die traurige Geschichte einer Frau, die am Ende ihres Lebens steht und hadernd um ihre Zugehörigkeit kämpft.

Trotz der Schwere des Romans ist er leicht zu lesen. In kurze Abschnitte aufgeteilt, Tagebucheinträgen ähnelnd, liest man das Buch zügig. Und trotz der Schwere hinterlässt das Buch Zuversicht. Ein sehr empfehlenswerter Titel.

Golnaz Hashemzadeh Bonde
Was bleibt von uns
Nagel & Kimche Verlag, 2018

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Bemerkenswert

„Die Farbe von Milch“ von Nell Leyshon

Mary, die jüngste von vier Schwestern wächst auf einem Bauernhof in England auf. Es ist das Jahr 1830. Mary ist 14, arbeitet trotz einer körperlichen Beeinträchtigung, einem hinkenden Bein, hart und hat eine flinke Zunge. Der Vater ist grob und verbittert darüber nur Töchter und keinen einzigen Sohn zu haben. Die Mutter ist wortkarg und kühl. Nur der Großvater, der schon altersschwach mit der Familie zusammen im Haushalt lebt, ist Mary nah. Sie kümmert sich um ihn, bringt ihm das Essen und verbringt Zeit an seinem Lager im Apfelzimmer des Hauses.

Als Mary das 15. Lebensjahr vollendet, wird sie vom Vater als Haushaltshilfe an den örtlichen Dorfpfarrer verkauft. Sie soll dort die ernsthaft erkrankte Frau des Pfarrers pflegen und ihr Gesellschaft leisten. Von einem Tag auf den anderen muss Mary ihr Zuhause verlassen und in einen fremden Haushalt ziehen.

Die Frau des Pfarrers findet schnell Gefallen an Mary. Marys unverblümte Art, ihre hastig ausgesprochenen Worte, die kein Feingefühl und keine Höflichkeit kennen, bringen die Kranke zum Lachen und zum Staunen. Mary wiederum erfährt zum ersten Mal in ihrem jungen Leben Mitgefühl und Menschlichkeit. Die „Missus“, wie Mary sie nennt, wird aber zunehmend schwach. Als der Sohn der Familie auf die Universität nach Oxford geht, stirbt sie. Statt zurück nach Hause gehen zu dürfen, veranlasst der Pfarrer die Kündigung der zweiten Haushaltshilfe und Mary bleibt mit ihm alleine zurück. 

Am Ende der Geschichte wird Mary lesen und schreiben können; am Ende der Geschichte wird Mary frei sein.

Nell Leyshon schreibt in einer besonderen Sprache über das Leben eines einfachen Mädchens, das den Versuch wagt, in einer Welt, in der ein Frauenleben nicht zählt, ein Mensch zu sein. 

Ein großartiges Buch.

Nell Leyshon
Die Farbe von Milch
Julia Eisele Verlag, 2017
Taschenbuchausgabe Wilhelm Heyne Verlag, 04/2019


Bemerkenswert

Im Schrank der Erinnerungen – „Stummes Echo“ von Susan Hill

May, Frank, Colin und Berenice sind Geschwister und wachsen in Nordengland auf dem Beacon-Hof auf. May ist die erste der Geschwister, die versucht einen anderen Weg als ihre Eltern zu gehen. Auf die Universität nach London zieht es sie, um dort Jura zu studieren. Doch schon nach einem Semester bricht sie ihr Studium ab und kehrt als einzige der vier Geschwister auf den Hof zurück.

Es ist ein karges Leben, karg in Bedürfnissen und in Worten. May hält den Hof am Laufen, sie verrichtet die tägliche Arbeit gewissenhaft, gesprochen wird über das Wetter und den Zustand der Äcker. Zuletzt lebt sie mit ihrer Mutter dort. Der Vater ist bereits verstorben. Den Kontakt hält sie zu Colin und Berenice. Nicht zu Frank, der als Journalist in London lebt und ein Buch geschrieben hat. Ein Buch über ihre Familie, ihre Kindheit und ihre Erinnerungen. Seitdem sprechen sie nicht mehr miteinander, bis auch die Mutter stirbt und Frank zurückkommt, um an der Beerdigung teilzunehmen. Er kommt zu spät zur Beerdigungszeremonie und die Geschwister stehen sich auf dem Hof stumm gegenüber. 

„Stummes Echo“ ist ein Buch über Familienbande, über Elternschaft, über geschwisterliche Konkurrenz, über Kindheit, über Erinnerung, über Nichtgesagtes, über Ausgesprochenes und den Raum dazwischen. „Stummes Echo“ ist ein Buch über die Familie als System, aus dem man nicht so leicht ausbrechen kann. Es ist ein Buch, das nachhallt und nachdenklich macht. 

Susan Hill „Stummes Echo“

Gatsby im Kampa Verlag Zürich, 2019

Aus dem Englischen von Andrea Stumpf

Bemerkenswert

Die verborgene Tochter oder die Frau im Dunkeln – Eine Geschichte über die Zerrissenheit einer Frau

Elena Ferrantes Roman „Frau im Dunkeln“ mit dem Originaltitel „La figlia oscura“ erschien bereits 2007 und erlangte meine Aufmerksamkeit nur durch die im Suhrkamp Verlag erschienene Neuauflage von 2019.

Im Mittelpunkt steht Leda, eine Frau Ende vierzig, Mutter zweier erwachsener junger Frauen, Professorin in Florenz, die alleine Urlaub macht in Kalabrien. Am Strand liegend beobachtet sie eine neapolitanische lärmende Großfamilie, die sich in ihrer Nähe niedergelassen hat. Vor allem eine junge Frau und ihre kleine Tochter erwecken ihr Interesse und zunehmend ihre Sympathie. Wie besessen verfolgt sie die beiden mit ihren Augen, Stunde um Stunde, Tag um Tag. Ihr bisheriges Wohlwollen kippt irgendwann ins Gegenteilige. Sie findet die Nähe und Vertrautheit der beiden zunehmend aufgesetzt und nervig. Die Sonne brennt, die heiße Luft flimmert, und die Stunden am Meer werden für Leda länger. Eines Tages scheint große Aufregung bei den Neapolitanern auszubrechen, die Kleine ist verschwunden. Leda findet sie und erlangt die Bekanntschaft und Anerkennung der jungen Mutter. Das Kind ist wieder bei ihrer Mutter, alle scheinen froh zu sein, nur Leda hadert mit ihren Emotionen. Aus einem unbewussten Moment heraus packt sie heimlich die Puppe der Kleinen, versteckt sie in ihrer Tasche und geht nachhause in ihre Ferienwohnung. Noch Tage später ist das Mädchen untröstlich über den Verlust ihrer Puppe, sie fiebert und schreit. Und Leda beobachtet den aufkommenden Missmut der jungen Mutter und ihre sichtlich zunehmende Erschöpfung. In ihrer Ferienunterkunft säubert Leda die Puppe ausgiebig und versucht eine braune stinkende Brühe aus dem Bauch der Puppe zu entfernen. 

Der Leser beobachtet auch. Nämlich Leda. Leda, deren psychotischer Zustand ihr selbst unerkannt bleibt. Ein über Jahre hinweg verdrängtes Ereignis scheint an die Oberfläche kommen zu wollen, wie das stinkende Wasser im Inneren der Puppe, das Leda aus dem Mund herausschütteln will. Leda zieht an den verdrängten Erinnerungen wie den Sandwurm aus der Puppe, der das Loch im Mund verstopft. Die Brühe läuft ins Waschbecken und Ledas Erinnerungen mit ihr hinaus.

Ein großartiges Buch, das von der Zerrissenheit einer Frau handelt und das Rollenverständnis eines konservativen Italiens widerspiegelt.

Elena Ferrante „Frau im Dunkeln“

Suhrkamp Verlag Berlin, 2019

Aus dem Italienischen von Anja Nattefort